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Naturkatastrophen und globaler Klimawandel:
Sind wir noch zu retten?!


Dr. Gerhard Berz
Ehem. Leiter der Abteilung GeoRisiko-Forschung der Münchener Rückversicherung

Montag, 10. Juli 2006 um 19:30 Uhr
Internationales Begegnungszentrum der Wissenschaft
Amalienstraße 38, 80799 München

Zum Thema:

Die Schadenbelastungen aus großen Wetterkatastrophen haben weltweit dramatische Ausmaße angenommen. Die inflationsbereinigte Zunahme gegenüber den 60er Jahren liegt für die letzten 10 Jahre beim Achtfachen für die volkswirtschaftlichen und beim Sechsundzwanzigfachen für die versicherten Schäden.

Diese Schadenzunahme wird größtenteils von sozio-ökonomischen Veränderungen, insbesondere steigenden Bevölkerungs- und Wertekonzentrationen u.a. in besonders stark exponierten Regionen, verursacht.

Gleichzeitig gewinnt der rasch voranschreitende Klimawandel immer größeren Einfluss auf die Häufigkeit und Intensität von Wetterextremen. Da sind einerseits die großen Sturm- und Überschwemmungskatastrophen der letzten Zeit, die fast jedes Jahr für neue Schadenrekorde gesorgt haben, und andererseits die zahllosen Unwetter-, Hitze- und Schneekatastrophen, die heute häufiger denn je aufzutreten scheinen.

Tatsächlich ergeben die Analysen von Beobachtungsreihen ebenso wie Modellrechnungen, dass sich die Eintrittswahrscheinlichkeiten für extreme Wetterereignisse bereits deutlich geändert haben und weiter rasch ändern werden.

Gerade in Mitteleuropa sind extreme Wetterereignisse schon heute die Hauptursache für Katastrophenschäden. Hier stehen die Stürme bei der Zahl der Schadenereignisse und bei den versicherten Schäden mit Abstand an erster Stelle, gefolgt von den Überschwemmungen (die bei den volkswirtschaftlichen Schäden den größten Anteil ausmachen), den sonstigen Naturkatastrophen (u.a. Winterschäden, Waldbrand, Erdrutsch) und schließlich den hier nur selten schadenträchtigen Erdbeben.

Das Bild ändert sich, wenn man die Schadenpotenziale extremer Naturkatastrophen betrachtet. Hier rücken dann Ereignisse in den Vordergrund, die zwar nur eine sehr kleine Eintrittswahrscheinlichkeit aufweisen, wie z. B. lokale Unwetter oder extreme Sturmfluten, die aber bei einem "Volltreffer" in einer dichtbesiedelten Region außerordentlich hohe Schadenbelastungen auslösen können. Dieses "Restrisiko" wird sich bei deutlich veränderten Klimaverhältnissen innerhalb weniger Jahrzehnte rasch erhöhen.

Aus der Sicht des Rückversicherers, aber auch aus gesamtwirtschaftlicher und politischer Sicht, gefährden Naturkatastrophen die nachhaltige Entwicklung in vielen Regionen. Die möglichen Schadensummen liegen bei Größenordnungen, die eine umfassende Risiko-Partnerschaft zwischen Versicherungsnehmer, Versicherungswirtschaft und Staat erforderlich machen. Risikogerechte Prämien und Selbstbehalte auf der einen Seite und Ausfallgarantien des Staates auf der anderen sind wesentliche Voraussetzungen dafür, dass bestehende Deckungen aufrechterhalten oder noch ausgeweitet werden können.

Zur Person:

Dr. Gerhard Berz ist promovierter Meteorologe und Geophysiker. Er war wissenschaftlicher Assistent am Institut für Geophysik und Meteorologie an der Universität Köln, Referendar beim Deutschen Wetterdienst sowie wissenschaftlicher Assistent am Meteorologischen Institut der Universität München. Seit 1973 ist er Lehrbeauftragter für Meteorologie an der Universität München. Zwischen 1974 und 2004 leitete er den Bereich "Elementargefahren" der Münchener Rückversicherung. Er baute ihn zu einem führenden Institut der GeoRisiko-Forschung aus. Er ist u.a. Mitglied des Deutschen Kommitees für Katastrophenvorsorge, der UN-Task-Force International Strategy for Disaster Reduction, des Intergovernmental Panel on Climate Change sowie des Welt-Wetter-Forschungsprogramm engagiert. Das Nachrichtenmagazin Focus verlieh ihm 2001 den Titel "Master of Disaster".